Jesus und die Frauen

"Wenn Frauen eigens Erwähnung finden in einem ansonsten männlich geprägten Text, dann war ihre Bedeutung herausragend".



Beginnen wir mit Maria von Magdala: Sie ist in allen vier Evangelien (!) ausdrücklich als Zeugin der Verhaftung, Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung genannt. Die mit ihr erwähnte Frauengruppe als Teil der Jesusbewegung auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem ist jeweils mit unterschiedlichen Namen besetzt; ihr Name ist durchgängig. Dieses Zeugnis allein hätte schon genügen müssen, den Frauen in den Gemeinden und der späteren Kirche ihre Verkündigungs- und Leitungsfunktionen zu begründen und zu bewahren. Wenn Frauen eigens Erwähnung finden in einem ansonsten männlich geprägten Text, dann war ihre Bedeutung herausragend. Frauen der späteren Jesusgruppen und -gemeinden beriefen sich auf Maria von Magdala, um ihre Verkündigung und Leitungsfunktionen gegenüber Anfeindungen zu verteidigen. Leider sind weitere Zeugnisse über Maria von Magdala nur noch in gnostisch geprägten Evangelien zu finden. Aber es scheint trotzdem durch, dass sie ihrer Verkündigung einen eigenen Akzent gab, der in Widerspruch geriet zur „Petruslinie“, die sich in einigen frühen Gemeinden durchzusetzen begann. Es gibt viele Phantasien über ihre Beziehung zu Jesus, die meisten sind geprägt von Romantik oder Kitsch und verdunkeln ihre wirkliche Bedeutung.

Auch die Geschichte von Maria und Martha (Lk 10) ist ein Nachhall auf die Bedeutung von Frauen in der Jesusbewegung. Hintergrund ist der Konflikt um ihre Rolle: Sollen sie in dem ihnen zugeteilten häuslichen Rahmen (Martha) bleiben? Oder dürfen sie, nachdem sie das Evangelium gehört haben, es als Befreiung aus dieser Rolle auffassen (Maria) und selbst Verkündigerinnen werden? Lukas lässt Jesus selbst sprechen und entscheiden: „Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden“. Leider ist es dabei nicht geblieben; den Frauen wurde recht bald mit dem Aufstieg der Jesusbewegung zur organisierten Religion und später Reichsreligion diese Möglichkeit sehr wohl genommen. In seiner Apostelgeschichte gibt Lukas wieder, dass die erste Gemeindegründung auf europäischem Boden in einer reinen Frauengruppe geschieht, Lydia ist ihre mutige Sprecherin (Apg 16). Auch die Jüngerin Tabitha ist Mittelpunkt der Bewegung, die vielen zu ihrem Glauben an den Messias verhilft. Sie hatte eine Witwengruppe in ihrem Haus versammelt, um die sie sich liebevoll (sogar mit Nadel und Faden!) kümmerte – das darf und kann nicht sterben. Deshalb wird sie wieder auferweckt und kann sich weiter in den Dienst des Messias stellen – mit großer Wirkung, wie der Text anschaulich wiedergibt.

Paulus, der erste Textzeuge, durfte jahrhundertelang als Frauenfeind diffamiert werden. Das negative Urteil über ihn und seine angebliche Zurückweisung der Frauen speist sich vor allem aus den sogenannten Pastoralbriefen, die nicht von Paulus stammen. Sie spiegeln die Konflikte um die Zurückdrängung der Frauen in der frühen Christenheit wieder. Paulus selbst erwähnt mehrfach, dass er den Messias mit Hilfe einer Frau (Priska, die immer vor ihrem Mann Aquila genannt wird) kennengelernt hat. Er verlässt sich bei den Gruppengründungen in den zentralen Städten des römischen Reiches auf die Verkündigungs- und Leitungstätigkeit von Frauen und nimmt sie in Schutz. Dabei erlaubt er ihnen sogar die Ehescheidung (1 Kor 7), für den Fall, dass der Ehemann mit ihrem Engagement in der Gemeinde nicht einverstanden und der dadurch entstandene Ehekrach nicht mehr zu kitten ist. Die Grußliste in Römerbrief 16 lässt erkennen, wie vielfältig und mutig ihr Einsatz für das Evangelium war.

Die Kirche muss die folgenschwere Entwertung der Frauen endlich beenden. Nur so findet sie zu Jesus zurück und heraus aus der männlichen Gewaltkultur, die immer weniger akzeptiert wird.

Jutta Lehnert